
W. Schmidl & Söhne
Die älteste Posamentenfabrik Weiperts — Weltausstellungen, Wiener Flair und 180 Jahre Familiengeschichte
- Gegründet
- 1760
- Branche
- Posamenten
- Niederlassungen
- Weipert & Wien
- Auszeichnungen
- Wien · London · Philadelphia
icher kennt jeder, der sich in Weipert ein bißchen auskennt, die schöne Villa in der ehemaligen Annaberger Straße unterhalb der Kirche, in der sich heute die Weiperter Apotheke befindet. Ebenso das Speiselokal „Pod Lipami" (unter den Linden) gleich daneben. Aber nur noch ganz wenigen wird bekannt sein, dass beide Gebäude einst zur 1760 gegründeten ersten Weiperter Posamentenfabrik „W. Schmidl & Söhne" gehörten.

Dobová pohlednice — Zeitgenössische Firmenpostkarte, W. Schmidl & Söhne, Výprty / Weipert, gegr. 1760
Gründung & Aufstieg
Von der Alten Post zum Weltmarkt
Anfangs wurde im Gebäude Nr. 309 produziert — der Alten Post, welche vom Firmengründer Rupert Schmidl, der auch Weiperter Filialpostmeister war, im Jahre 1787 selbst erbaut worden war. Ab 1814 fand man die Erzeugnisse der Söhne Rupert und Wenzel Schmidl bereits in Wien und Graz; 1824 wurde in Wien eine Zweigniederlassung errichtet.
1856 kamen die ersten Klöppelmaschinen zum Einsatz. Ab 1860 wurden Glasperlen aus Venedig, später aus Gablonz, kunstfertig verarbeitet. Viele neue Erzeugnisse entstanden und wurden massenweise nach England geliefert. Das Geschäft florierte und man exportierte in nahezu alle europäischen Länder sowie nach Indien und Amerika.
Die Erzeugnisse der Firma wurden auf Weltausstellungen in Wien, London und Philadelphia prämiert — ein bemerkenswerter Erfolg für ein Unternehmen aus dem westlichen Erzgebirge.

Annabergerstraße, Weipert (Deutschböhmen)
1890
Als erste Weiperter Firma führte „W. Schmidl & Söhne" elektrisches Licht in alle Arbeits- und Geschäftsräume ein.

Deutsche Klöppelmaschine, System circa 1880
Modernisierung & Fürsorge
Neubau, Maschinen und ein vorbildlicher Arbeitgeber
Da die alte Post als Fabrikgebäude längst zu klein geworden war, zog die Firma zunächst in die Rohrschmiede in der Joachimsthaler Straße 354 um. Als dieses Gebäude abbrannte, entschloss man sich 1884 zum Bau einer ganz neuen Fabrik in der Annaberger Straße 675 — neben der repräsentativen Villa der Familie Schmidl.
Zwei Jahre nach der Einführung des elektrischen Lichts wurden für die Arbeiter eine Unterstützungskasse und für die Angestellten ein Pensionsfonds gegründet. Die beschäftigten Arbeiter, die dem Unternehmen oft viele Jahre treu blieben, kamen außer aus Weipert auch aus Schmiedeberg, Köstelwald, Kupferberg und Steingrün. Für die Erzeugung von Posamenten waren zudem Heimarbeiter erforderlich, die vor allem in Neugeschrei zu Hause waren.
Spätere Jahre
Expansion, Krieg und das Ende einer Ära
Noch 1908 wurde die Fabrik in der Annaberger Straße um zwei Stockwerke und ein Treppenhaus erweitert. Obwohl bereits 1912 die Aufträge knapper wurden und es zu Entlassungen kam, verschlimmerte der Erste Weltkrieg die Lage weiter. Nach 1918 erholte sich die Firma nur langsam.
Bis dahin wurden überwiegend Artikel zur Verzierung von Kleidern und Uniformen produziert. In den Folgejahren entstanden mehr und mehr Verzierungen für Möbel, Lampenschirme, Gardinen und Teppiche.
Der letzte Firmenleiter war Emil Schmidl, der den Betrieb bis zu seiner Einberufung 1939 führte. Während des Zweiten Weltkrieges übernahm seine Mutter Bertha Schmidl, geb. Kreuziger, die Leitung. Emil Schmidl verstarb 1958 im Alter von 49 Jahren in Villach in Kärnten. Seine Mutter folgte ihm nur ein halbes Jahr später in Wuppertal nach.

Villa Schmidl, Annabergerstraße
Zeittafel
1760
Gründung durch Rupert Schmidl
1787
Bau der Alten Post (Nr. 309)
1814
Erzeugnisse in Wien und Graz
1824
Zweigniederlassung in Wien
1856
Erste Klöppelmaschinen im Einsatz
1860
Glasperlen aus Venedig & Gablonz
1884
Neubau an der Annaberger Straße 675
1890
Erstes elektrisches Licht Weiperts
1908
Fabrikerweiterung um zwei Stockwerke
1939
Emil einberufen, Bertha übernimmt
1958
Emil Schmidl verstirbt in Villach
Falls Sie also demnächst in Weipert wieder einmal etwas aus der Apotheke benötigen oder im Gasthaus „Pod Lipami" gut speisen wollen, bedenken Sie bitte, welch wechselvolle Geschichte die beiden Gebäude in der Annaberger Straße hinter sich haben.
Fotogalerie
4 historische Aufnahmen

